Junge liest ein Buch und schaut Mädchen mit orangem Ball an.

«Das Neue ist jetzt ein Teil von uns»

«Ich heisse Anna*, aber ich bin ein Bub.» So hat sich John* in der Schule bei seinen Mitschülerinnen und Mitschülern vorgestellt. Für ihn war klar, dass er kein Mädchen ist. Für seine alleinerziehende Mama, CONCORDIA-Kundin Cornelia*, war die Situation neu: Die Anna, die sie geboren hat, ist jetzt John.

Transgender im Alltag: Die Illustration zeigt ein Mädchen, das vor dem Spiegel sitzt. Aus dem Spiegel blickt ihr jedoch ein Bub entgegen. Schon in der Spielgruppe mit etwa dreieinhalb Jahren hat John Mädchenkleider und die Farbe Rosa abgelehnt. Alles, was nur annähernd mädchenhaft war, konnte er nicht leiden. Beim Einkaufen in der Mädchenabteilung gab es deswegen immer Diskussionen, selbst beim Kleiderkauf für die jüngere Schwester. Er fühlte sich in der Mädchenabteilung immer fehl am Platz. Bei einem Arztbesuch sprach Cornelia das Thema an. Der betitelte dieses Verhalten als «Phase». Doch die Phase ging nicht vorbei. Nach vier Jahren hatte Cornelia genug davon, dass sich ihr Kind verstellen muss. Es sollte genau so sein können, wie es wollte. Egal ob Mädchen oder Junge.

Drinnen ein Bub, draussen ein Mädchen

In der Schule waren die Lehrer zuerst überfordert, im Fussballtraining gab es die ersten Pöbeleien, als John sich öffnete. «Die anderen Kinder sagten ‹Mädchen spielen nicht Fussball, du gehörst hier nicht hin› … das hat John hart getroffen. Vor allem, da er sich ja nicht als Mädchen fühlte», so Cornelia. «Für ihn war dieses Gefühl, ein Bub zu sein, nichts Neues, aber für mich war es anfangs schwierig. Doch ich bemerkte, dass mein Sohn nicht er selbst sein konnte, dass es ihm nicht gut ging. Also habe ich ihm gesagt, daheim könne er ein Bub sein. Draussen müsse er aber weiterhin ein Mädchen sein, wenn er es nicht ganz offen sagen möchte.»

Doch dann kam der Zeitpunkt, als John auch nach aussen hin ein Bub sein wollte. Er hat sich immer mehr geöffnet und ganz klar gesagt, dass er kein Mädchen sei. Die Zeit war reif für einen neuen Namen. «Er hat mich gefragt, ob er einen anderen Namen haben könne, denn Anna passte ja nicht mehr. Er suchte sich John aus. Zwar habe ich mich darauf eingestellt, trotzdem brach für mich eine Welt zusammen. Ich liebe ihn natürlich über alles. Aber mein Kind ist jetzt wirklich ein Bub für mich. Der Name macht einen grossen Unterschied», erinnert sich Cornelia.

 

2018 – das Jahr neuer Erfahrungen

Und plötzlich setzte sich alles in Bewegung. John war bereits in Behandlung bei einer Psychologin, die ihn begleitete. Die Schule organisierte ein Treffen mit den Lehrern, dem Schulleiter, einem Sexualpädagogen und der Therapeutin von John. «Die Sexualpädagogen der Schule meinten, wir würden zu schnell machen, er könne sich ja noch anders entscheiden. Aber ich habe zu ihnen gesagt: ‹Stellt euch vor, ihr müsst jeden Tag mit einer Zwangsjacke rausgehen. Denn genau so geht es meinem Sohn. Er kann nicht er selbst sein!› Daheim kann er aufblühen, draussen muss er ein anderer sein!»

Die Schulleitung hat vor den Osterferien einen Brief an die Eltern der anderen Schüler geschickt und sie zu einem Informationsabend eingeladen. «Von 24 Kindern kamen nur 12 Elternteile. Das waren heftige Diskussionen … Vorwürfe prasselten auf uns ein. Die anderen Kinder müssten nun auch therapiert werden oder würden vielleicht später schwul werden. Ich war sprachlos!», erzählt Cornelia.

 

Offizielle neue Wege als Bub

Schliesslich trommelte die Schule auch die Kinder zusammen und erklärte die Situation auf einfache Weise. Doch es stellte sich heraus, dass die Kinder keine Erklärung benötigten. «Die Reaktion der Kinder war rührend. Sie sagten, dass es ja ganz egal sei, wie er oder sie heisse, er wäre ja trotzdem ein guter Kollege. Und dass ja auch Mädchen Fussball spielen oder Jungs auch gerne mal die Kleider von Mami tragen. Ich dachte nur, warum können nicht auch die Eltern so offen sein?» In einem Ritual verabschiedeten sich die Kinder von Anna. Danach begrüssten sie John.

Kurze Zeit später sollte John auch seinen Namen ganz offiziell verwenden dürfen. Für die bereits gebuchten Herbstferien setzte Cornelia alle Hebel in Bewegung, dass John seinen neuen Namen auch auf dem Reisepass lesen konnte. Dazu waren einige Bestätigungen nötig und so pilgerte sie von einem Arzt zum nächsten. Über die Psychologin von John fand sie auch eine Spezialistin zu Transgender-Themen. Diese diagnostizierte eine Störung der Geschlechtsidentität. Die gesammelten Bestätigungen und Atteste der Ärzte, ein selbstverfasster Brief von Cornelia und von John erfüllten diesen Wunsch in kurzer Zeit: Cornelia hielt das Dokument der Namensänderung mit dem kantonalen Stempel in Händen. Anna war nun ganz offiziell John und fuhr als Junge in die Ferien.

 

Immer wieder neue Erfahrungen

«Das klingt jetzt komisch», sagt Cornelia und lächelt, «aber ich hatte schon in der Schwangerschaft das Gefühl, dass ich einen Jungen bekommen würde. Auch als die Ärzte mir sagten, dass es definitiv ein Mädchen werden würde. Irgendwie habe ich das damals anders gefühlt.» Und dennoch war es für Cornelia überwältigend, nachdem die ersten offiziellen Schritte getan waren. «Ich habe meine Tochter verloren, aber einen Sohn gewonnen. Es gibt schon Tage, die schwierig sind. Es kommen ja immer wieder neue Dinge auf uns zu. Ich möchte für mein Kind stark sein. Für John ist alles logisch, für mich immer wieder neu. Endlich ist er wieder glücklich, er kommt aus sich raus, er kann einfach ein Kind sein. Das ist das Wichtigste!»

 

Die Zukunft und der Körper

Für das Glück von John nimmt die Familie den schweren Weg auf sich. Denn für John steht fest, er möchte irgendwann ein richtiger Mann sein, mit einer Frau und Kindern, und er möchte Chirurg werden. In vermutlich nicht allzu langer Zeit, wird er mit Medikamenten die Pubertät aufhalten müssen. Zwei Jahre lang kann er diese sogenannten Pubertätsblocker nehmen, danach behandelt man mit Hormonen. John weiss, dass er erst mit 18 Jahren den Schritt einer Geschlechtsanpassung gehen kann. Warum, versteht er nicht so genau, denn er weiss ja, dass er für immer ein Junge sein möchte und es sich nicht anders überlegen wird. Um diesen Weg auch offiziell gehen zu können, war für Johns Mama von Anfang an wichtig, dass er sich einer Person anvertraut: «Er muss regelmässig mit seiner Psychologin reden. Nur so können wir diesen Weg gehen», erklärt Cornelia.

 

Die Familie hält zusammen

Von Gegnern und Zweiflern hat sich die Familie distanziert. Auch die Grosseltern unterstützen John, selbst wenn sie ihn manchmal noch Anna nennen. Und die jüngere Schwester hat nun zusätzlich zu ihren beiden grösseren Halbbrüdern einen Bruder mehr, obwohl sie manchmal lieber eine grössere Schwester hätte. «Für sie ist es ebenso eine schwierige Zeit, denn John bekommt natürlich viel Aufmerksamkeit. Aber sie macht es toll und unterstützt ihren Bruder, wo sie kann!», erzählt Cornelia stolz.

Manchmal ist es aber nicht ganz so leicht, John alles zu erklären, so Cornelia. «Er denkt schon so weit in die Zukunft, das macht mir ein bisschen Angst. Wenn er mich fragt, ob er denn auch mal ein Papa sein kann, weiss ich nicht immer, wie ich ihm erklären soll, welche Möglichkeiten es gibt. Aber ich bin sicher, er wird einmal ein ganz toller Papa sein!», lächelt Cornelia. Und irgendwann, wenn sie genug Mut hat, wird sie sich auch den neuen Namen von John auf das Schulterblatt tätowieren lassen. «Da steht jetzt nämlich Anna, und das mag er nicht so gerne. Aber in Zukunft werden dort eben Anna und John stehen, denn Anna lasse ich sicher nicht wegmachen», schmunzelt die zweifache Mutter.

 

Das Neue im Alltag

John, seine Schwester, seine Mama und die anderen Familienmitglieder wissen, dass der Weg noch lange ist und schwer wird. Sie möchten mit ihrer Geschichte anderen Mut machen und zeigen, dass es wichtig ist, dem Neuen offen und wertfrei zu begegnen. «Natürlich ist es nicht einfach, das wissen wir. Aber das Glück meines Kindes steht für mich im Vordergrund, auch wenn uns immer wieder neue Themen herausfordern. Vielleicht können wir anderen Familien, denen es ähnlich geht, etwas Angst vor dem Neuen nehmen und aufzeigen, dass sie nicht alleine sind», so Cornelia. «Das Neue ist jetzt ein Teil von uns. Ein Teil von unserem Alltag. Aber wir begegnen ihm stolz und stark … die Kinder sind gesund und glücklich. Das ist das Allerwichtigste!»

*Namen von der Redaktion geändert

 

Was genau bedeutet «transgender»?

Der Begriff Transsexualität oder Transgender wird oft missverständlich gebraucht. Tatsächlich geht es hier nicht um Sexualität, sondern um Identität. Eine Person kann sich mit ihrem Körper bzw. ihrer geborenen Geschlechterrolle nicht identifizieren. Oft hört man Phrasen wie «im falschen Körper geboren» – mittlerweile benutzt man immer mehr den Begriff Transidentität. Häufig unterziehen sich Transgender-Personen schliesslich einer Geschlechtsanpassung, umgangssprachlich Geschlechtsumwandlung genannt.

Kommentare

10. März 2019
Papa Dom
Toll, dass die Eltern ihr Kind unterstützen und ihm die wichtige Botschaft: „Du bist okay, wie du bist!“ mit auf den Weg geben. Wir sind alle ein bisschen anders. Schade, dass man sich in der Gesellschaft dafür noch erklären muss.
11. März 2019
CONCORDIA

Merci für die Rückmeldung. Wir sind sehr dankbar, dass die Mutter und Ihr Sohn uns Ihre Geschichte und Erfahrungen so offen erzählt haben. Vielleicht hilft es anderen, mit solchen oder ähnlichen Situationen umzugehen.
11. März 2019
Luisa
Es isch so schön zu lesen wie sehr Cornelia John unterstützt und ich wünschte es gabe in der lgbtq-comunity mehr solcher Eltern! Ich selber identifiziere mich als non-binary (keinem geschlecht zugehörig) und wünsche John nur das beste auf seinem Weg er ist ein Kämpfer!
11. März 2019
CONCORDIA

Besten Dank für deine Rückmeldung und alles Gute auch für dich.
11. März 2019
Dean
Super, dass die Eltern ihr Kind so unterstützen!!!
Schade, dass die Concordia indes nicht so viel Unterstützung bietet. Ich selbst ftm, wurde mehrfach "misgendered" am Telefon (obwohl Sotuation bekannt und am Telefon nochmal erläutert), zudem setzt die Versicherung auf veraltete Empfehlungen des Bundesrates,d.h. 2 Jahre Hormontherapie, bevor es zu OPs kommen kann, dass es Patienten/Kunden aufgrund dieser Wartefrist psychisch schlechter geht oder sie gar suizidal werden, interessiert nicht.
11. März 2019
CONCORDIA

Besten Dank für Ihre Rückmeldung. Es tut uns leid, dass Sie mit unserer Unterstützung nicht zufrieden sind. Der wertschätzende Kontakt zu unseren Versicherten ist uns sehr wichtig, deshalb würden wir gerne der von Ihnen geschilderten Erfahrung nachgehen. Wenn das für Sie in Ordnung ist, senden Sie uns bitte per E-Mail an socialmedia@concordia.ch Ihre Kontaktangaben (Vorname, Name, Versichertennummer). Besten Dank und alles Gute für Sie!
31. März 2019
Simon
Solche Geschichten sind immer schön zu lesen aber was ist, wenn man kein Kind mehr ist und voll im Berufsleben steht!? Wir leben im 21. Jh und es gibt immer noch viel zu viel Ignoranz und Intoleranz und das leider am häufigsten bei Arbeitgebern und Behörden. Man braucht Glück, einen Job zu finden (mehr Glück, um nach dem Comingout seinen Job zu behalten), man wird selten für seine Fähigkeiten wertgeschätzt, oft entweder angestarrt oder völlig ignoriert, auch Anfeindungen sind keine Seltenheit.
NIEMAND kann es sich aussuchen, als Mädchen oder Junge geboren zu werden! NIEMAND geht aus Spass an der Freude den, ohnehin schon schwierigen Transweg! Daher wäre es absolut WÜNSCHENSWERT, wenn ALLE KK ihre veralteten Empfehlungen bgzl. Therapien von Transmenschen dem Zeitalter anpassen würden, eben um solche demütigenden und unnötig lange Wartezeiten zu vermeiden! Simon 
01. April 2019
CONCORDIA

Vielen Dank für deine Rückmeldung und deine engagierten Worte. Wir wünschen dir alles Gute.
04. April 2019
christian conrad
erstmals kompliment für den bericht und das sie das thema transidentiät ernshaft aufnehmen. Ich berate und unterstütze menschen, die sich in ihrer geschlechtswahrnehmung-identität verunsichert fühlen. Wie die lebensgeschichte von Anna zu John aufzeigt spüren kinder in frühen jahren diese geschlechtsdiskrepanz. Klar kann es auch nur eine entwicklungsphase sein die vorübergeht. Wenn dieses gefühl jedoch mehrere jahre anhält sollten, müssen wir das kind unbedingt ernst nehmen und es als experten sehen. Nicht die psychiater, psychologen, pädagogen etc. sollen entscheiden sondern mit unserer behutsamen, zeitlassenden unterstützung, kann das kind selber den zeitpunkt für seine äusseren veränderungen bestimmen. Früher passten sich transkinder einfach an und das schweigende leiden begann. Bis sie dann nach jahrelangem unterdrücken, verdrängen, im mittleren alter wieder mit dem inneren bedürfnis konfrontiert wurden. Meistens weil sie ihr leben aus gesundheitlichen gründen dazu zwang. 
04. April 2019
CONCORDIA

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung und für Ihr Engagement.