Eine Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer mit dem Laptop.

Online-Psychotherapie: Das Beste aus beiden Welten

Prof. Dr. Thomas Berger forscht an der Universität Bern an Online-Therapiekonzepten und ist Mitbegründer von ylah. Er ist überzeugt: Die Zukunft der Psychotherapie ist «Blended». Was das bedeutet und wie die Forschung und die Praxis in der Schweiz dieses Konzept aufgreifen, erzählt er im Interview.

   Kurz und einfach

Dr. Thomas Berger ist Psychologe.
Er erforscht die Online-Psychotherapie.
Man kann zusätzlich auch Übungen zu Hause machen.
Dann ist die Therapie erfolgreicher.

Herr Prof. Berger, was versteht man unter Online-Psychotherapie?

Prof. Dr. Thomas Berger: Es gibt verschiedene Formen der Online-Therapie. Einerseits gibt es Psychotherapien, die Videokonferenzen, Chats oder E-Mails als Kommunikationsmittel nutzen. Der Ablauf der Therapie ist ähnlich wie bei der traditionellen Form, bei der man sich persönlich zu den Sitzungen trifft. Andererseits gibt es digitale Tools, die man auch ohne Kontakt zu einer Fachperson verwenden kann. Digitale Tools sind meistens Selbstmanagement-Anwendungen.

Wie haben sich diese Therapieformen in den letzten Jahren entwickelt?

Die Corona-Pandemie hat 2020 auch Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen gezwungen, auf Online-Kanäle umzustellen. Damals wurden quasi über Nacht Therapien mit Videokonferenzen angeboten. Nach Corona ist das Niveau immer noch höher als vorher, aber die Nachfrage hat auch wieder abgenommen.

Die oben genannten digitalen Tools, vielfach sind das Apps, sind in Deutschland bereits weit verbreitet. Man nennt sie «Digitale Gesundheitsanwendungen» oder kurz «DiGAs». Seit fünf Jahren können Psychotherapeuten oder Ärztinnen gewisse Tools aus dem offiziellen DiGA-Verzeichnis auf Kosten der Krankenversicherung verschreiben. Im Gegensatz zu Deutschland sind solche Anwendungen in der Schweiz bislang noch nicht in der Routinepraxis etabliert, doch ab Juli wird erstmals auch hier eine digitale Gesundheitsanwendung verschreibbar sein.

Die Kombination von einer Therapie mit persönlichen Sitzungen – entweder in einer Praxis oder auch via Videokonferenz – und zusätzlicher Begleitung über eine App nennt man «Blended-Psychotherapie».

Wie genau funktioniert eine Blended-Psychotherapie?

Wir sagen, es ist «the best of both worlds», also das Beste aus beiden Welten. Persönlich und online. Denn die Patientinnen und Patienten profitieren von persönlichen Sitzungen und Aufgaben, die sie zwischen den Sitzungen erledigen können. Man kann diese Therapieform auf unterschiedliche Weise einsetzen. Es gibt den «Parallelen Blend», der wie oben beschrieben die Sitzungen und Online-Aufgaben verbindet. Es gibt auch noch den «Sequenziellen Blend», wenn eine Person zum Beispiel auf eine Psychotherapie wartet und sich mit den Online-Tools bereits vorbereiten möchte. Danach starten dann die persönlichen Sitzungen. Und schliesslich wird die Blended-Therapie auch als Rückfallprävention genutzt, sodass Patientinnen und Patienten auch nach den Therapiesitzungen an ihren Themen weiterarbeiten können.

Was ist der Vorteil dieser Therapieform?

Ein Vorteil besteht darin, dass sich Patientinnen und Patienten mithilfe der Online-Tools nicht nur Wissen über ihre Erkrankung aneignen, sondern auch psychoedukative Inhalte, Erklärungsmodelle und konkretes Lösungswissen erhalten. Diese Inhalte müssen dadurch nicht mehr ausschliesslich in der Sitzung vor Ort vermittelt werden, sondern können im vertrauten häuslichen Umfeld und im eigenen Tempo erarbeitet werden. Das gibt zwischen den Sitzungen nicht nur Kontinuität, es fällt so auch leichter, das Gelernte aus der Therapie in den Alltag zu übertragen. Die Forschung zeigt auch, dass dieser Ansatz die Selbstwirksamkeit stärkt. Die aktive Rolle, die Patientinnen und Patienten dabei einnehmen, zeigt ihnen, dass sie selbständig etwas ändern können. Das Selbstmanagement und Vertrauen in sich selbst wird zeitgleich gefördert. Spannend ist auch das sogenannte Symptom-Monitoring: Die Patientinnen können eigenständig ihre Symptome erfassen, die dann in der Therapiesitzung besprochen werden. Der Therapeut kann so auch gut reagieren, falls sich die Symptome verschlechtern oder auch wesentlich verbessern, sodass die Therapie zeitnah abgeschlossen werden kann.

Wissen Sie aus der Forschung, welche Menschen auf die Online-Therapien eher ansprechen?

Eine der wichtigsten Variablen für den Erfolg von Online-Therapien ist die Erwartung der Patientinnen und Patienten. Forschungsergebnisse zeigen, dass insbesondere die Hoffnung und Überzeugung, dass die Therapie wirksam ist, einen zentralen Einfluss darauf hat, wie gut Menschen auf diese Angebote ansprechen. Es gibt auch gewisse Merkmale, die paradox erscheinen. Die Annahme ist häufig, dass «Digital Natives», also junge und digital affine Menschen diejenigen sind, die am ehesten eine Online- oder Blended-Therapie starten. Die Forschung sagt jedoch eher, dass die älteren Generationen die seriöseren Nutzenden sind. Je älter die Betroffenen, desto besser funktioniert der Ansatz. Die besten Ergebnisse erhalten wir von den 40- bis 70-Jährigen. Eine junge Person springt eher ab, möglicherweise auch, weil die App nicht so attraktiv ist, wie beispielsweise TikTok. Es ist also falsch zu sagen, diese Therapieform wäre nur für junge Menschen.

Wie sieht es mit möglichen Hürden aus? Was hält die Menschen davon ab, Apps oder Blended-Therapien zu nutzen?

Eine der wichtigsten Hürden gemäss der Forschung ist der Datenschutz – und das sowohl bei den Therapeuten als auch bei den Patientinnen. Diese Apps sind sogenannte «Medical Devices». Sie sind also gesichert, so gut wie man eben eine App sichern kann. Weitere Barrieren bestehen darin, dass das Wissen über diese Methoden noch zu wenig verbreitet ist und sie in der Ausbildung kaum vorkommen.

Was sagen Therapeutinnen und Patienten zu den Blended Therapien?

Therapeutinnen akzeptieren Blended Therapien, die digitale Elemente mit persönlichen Sitzungen kombinieren, in der Regel deutlich besser als rein onlinebasierte Formate. Eine kritischere Haltung gegenüber reinen Online-Therapien hängt häufig damit zusammen, dass im digitalen Setting bestimmte nonverbale und paraverbale Aspekte nur eingeschränkt wahrnehmbar sind, etwa Körpersprache, Mimik oder stimmliche Nuancen. In eigenen Studien zur Behandlung von Depressionen, in denen sowohl Therapeutinnen als auch Patientinnen befragt wurden, zeigte sich darüber hinaus, dass Fachpersonen digitale Behandlungsformate insgesamt kritischer beurteilen als die Betroffenen selbst. Ein möglicher Grund dafür ist, dass Therapeutinnen feine Beziehungs- und Kommunikationssignale, die im digitalen Setting nur begrenzt verfügbar sind, für ihre therapeutische Arbeit als zentral erachten.

Können wir denn dieselbe Nähe und Vertrautheit zu einem Psychotherapeuten aufbauen, dem wir «nur» online begegnen?

Die Forschung zeigt, dass auch online eine gute Therapiebeziehung aufgebaut werden kann. Das klappt auch bei rein schriftlichen Therapiemodellen gut, zum Beispiel bei begleiteter Selbsthilfe. Sowohl Therapeuten als auch Patientinnen berichten, dass die Gespräche manchmal sogar offener sind, man schneller zum Punkt kommt und sich auch schneller traut, über intime Details zu sprechen. Dafür gibt es eine schöne sozialpsychologische Erklärung: Die Intimitäts-Gleichgewichts-Theorie. Sie besagt, dass Menschen sich in Situationen mit grösserer räumlicher und sozialer Distanz häufig leichter öffnen und mehr von sich preisgeben, weil die geringere Unmittelbarkeit des Kontakts Selbstoffenbarung erleichtert.

Eine Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer mit einem Kaffee und macht etwas am Laptop.

Für welche Störungsbilder oder Diagnosen empfehlen Sie die Online-Therapie?

Das Feld ist gut erforscht bei den häufigsten psychischen Störungen: Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen. Hier gibt es viele Studien, die die Wirksamkeit zeigen, insbesondere für begleitete Selbsthilfeansätze. Bei der Blended-Therapie gehen wir davon aus, dass sie mindestens gleich wirksam ist wie eine traditionelle Therapie. Zwischen den Sitzungen können die Patientinnen Aufgaben bearbeiten und therapeutische Inhalte vertiefen, sodass der Transfer in den Alltag gestärkt wird und unter gewissen Umständen auch die Anzahl der Sitzungen reduziert werden kann.

Das heisst, es gibt die Blended-Therapie für diese drei weitverbreiteten Diagnosen und für andere nicht?

Nein, denn der Bereich wurde in den letzten Jahren massiv erweitert. Es gibt zwar die meiste Evidenz bei den genannten Erkrankungen, aber inzwischen wurden digitale Interventionen bei fast allen Störungen erforscht, auch bei somatischen Erkrankungen beispielsweise als Begleitung zu einer Krebstherapie. In der klinischen Praxis, auch in der Blended-Psychotherapie, kommen psychische Störungen ohnehin meist komorbid vor, das heisst, Patientinnen leiden unter mehr als einer Störung.

Gibt es Ausschlusskriterien?

Ja, natürlich. Bislang haben wir von der Wirksamkeit gesprochen. Wenn es um die Patientensicherheit geht, gibt es jedoch Ausschlusskriterien. Bei akuten Krisen oder hoher Suizidalität, also einem hohen Risiko, einen Selbstmord zu begehen, raten wir von Online-Therapien ab. Zudem empfehlen wir sie nicht bei schwerer Symptomatik wie Psychosen, Manien, einer bipolaren Störung oder ausgeprägter Substanzabhängigkeit. Das sind schwere psychiatrische Störungen, die eng begleitet werden müssen. Eine Online-Therapie ist nichts für Menschen mit akuten Krisen.

Wie steht die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern in Sachen Online- und Blended-Therapieformen da?

Ich würde sagen, wir sind in der dritten von vier Reihen. In grossen Ländern wie Australien, Schweden, Norwegen und Kanada sind Online-Therapien wegen der grossen Distanzen besonders etabliert. Dort gibt es seit Jahren virtuelle Kliniken, in denen Patientinnen und Patienten telefonisch abgeklärt und anschliessend mit begleitenden Selbsthilfeprogrammen behandelt werden, meist textbasiert über geschützte Mails. In Stockholm können sie zwischen Face-to-Face- und Online-Therapie wählen. Die Wahl fällt etwa 50:50 aus.

Kleinere Länder wie die Niederlande oder Dänemark setzen stark auf Blended-Therapien, und in Deutschland, bald auch in Frankreich und Belgien, können Ärztinnen und Psychotherapeuten bereits digitale Selbsthilfe-Tools verordnen.

Wie erwähnt kommt in der Schweiz jetzt langsam Bewegung in dieses Thema. Bislang gab es noch keinen Weg, begleitete Selbsthilfe oder ähnliche Tools über die Grundversicherung abzurechnen. Ab Mitte 2026 wird es hier jedoch eine wichtige Änderung geben: Ausgewählte digitale Gesundheitsanwendungen – hier in der Schweiz DGAs genannt – wird man mit einer entsprechenden Verordnung über die Grundversicherung abrechnen können.

Welche Entwicklung erwarten sie in der Zukunft?

Ich glaube, dass die Blended-Therapie in 10 Jahren normal sein wird. Alles wird digitaler – so, wie in anderen Lebensbereichen auch. In meinen Augen können wir den hohen Fallzahlen psychischer Störungen nur mit einem breiten Portfolio an Interventionen begegnen, also nicht nur mit Therapie, sondern auch mit Prävention. Prävention betreiben wir bisher zu wenig, obwohl viele Studien zeigen, dass geeignete Tools in der angezeigten Prävention wirksam sind: Menschen mit ersten Symptomen können ihr Erkrankungsrisiko deutlich senken. Es gibt eben nicht nur einen Weg.

Wir müssen auch bedenken, dass nicht jedes Angebot für jede Person geeignet ist. Unterschiedliche Präferenzen beeinflussen auch die Wirksamkeit. Man soll nichts erzwingen – doch gibt es viele Menschen, die Online- oder Blended-Therapien gut finden und mit positiven Erwartungen daran gehen. Und genau dann wirken sie auch. 

 

  Zur Person: Prof. Dr. Thomas Berger

Prof. Dr. Thomas Berger leitet die Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Bern.
Prof. Berger leitet die Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern und forscht seit über 20 Jahren zu digitalen Therapiekonzepten. Für seine Arbeit wurde er mit renommierten Auszeichnungen geehrt, darunter dem Schweizer Wissenschaftspreis Marcel Benoist.